GIRLS BY SAM LEVINSON. WET DREAMS OF THE MANOSPHERE?
In Sam Levinsons "Euphoria" wollen alle Frauen Tradwives, Sugarbabes und OnlyFans-Models sein. Doch den Figuren verspricht das nur auf den ersten Blick Erlösung.
Ob bei “Mean Girls”, “Gossip Girl” oder “13 Reasons Why” - die High School diente schon immer als Schauplatz misogyner, gewaltvoller Eskalation. Das ist nicht neu in der US-amerikanischen HBO-Fernsehserie “Euphoria”, deren dritte Staffel in diesen Wochen anläuft. In hyperrealistischer, neongetränkter Traumästhetik, - die auf den Arbeiten von Petra Collins basiert, nicht zwingend auf der Vision von Sam Levinson, wie Kritiker anmerken, - zeigt sich der Horror an einer High School zeitgenössisch. Er ist gezeichnet von Rauschgift-Hedonismus, pornographischer Betäubung, ästhetisierter Brutalität.
EIN SOZIOGRAMM SOZIALER VERWAHRLOSUNG
Der komplexe Antagonist Nate Jacobs, gespielt von Jacob Elordi, kommt zunächst als Archetyp des normschönen Jocks. Doch dann ist er nicht der hohle Frauenschwarm, sondern dunkel, verstört, manipulativ, aggressiv, ungeschützt vor einem Vater, der sich mit Minderjährigen, auch und vor allem mit Männern und Transsexuellen, zum Sex verabredet, der qua Definition kein Sex sein kann. Ein Opfer seines Vaters ist die Mitschülerin Jules Vaughn, gespielt von Hunter Schafer, im Realen wie Fiktiven als transgender identifiziert, die gegen ihren Willen von der Mutter wegen Geschlechtsdysphorie und Selbstverletzung in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen wird und später rücksichts- und erbarmungslos Ermächtigungsversprechen nachjagt. Nate Jacobs nähert sich Jules Vaughn, wissentlich um ihre Beziehung zu dessen Vater, unter einem Decknamen und mit semi-romantischer Absicht. Im Zuge dessen erhält er Nacktbilder, mit denen er Jules anschließend unter der Androhung einer Anzeige wegen der Verbreitung von kinderpornographischem Material erpresst. Das ist nur ein Wirrwarr von vielen, aber es ist erfrischend, ob einer nicht endenden, ewigen Umkehr von Täter und Opfer und Opfer und Täter und dennoch einer permanenten Anmutung von Intimität, Hoffnung und Befreiung, die sich auf mitnehmende, beklemmende Art eben niemals einlöst.
Diese Atmosphäre findet ihren Höhepunkt in der Figur von Rue Bennett, gespielt von Zendaya, verliebt in Jules, immer wieder Leidtragende ihrer Traumata und dem Versuch ihres Entfliehens, seit Kindertagen im chemischen neuronalen Ungleichgewicht, nach dem frühen Krebstod des Vaters von Depressionen, Zwangsstörungen und Panikattacken geplagt und seitdem nicht nur eindimensional drogenabhängig inszeniert, sondern von psychotropen Substanzen wesensentstellt dargestellt. Die Beziehung zur jüngeren Schwester, kalt im Türrahmen, zur zugewandten Mutter, heiß im Schmerz, heillos und abgründig, sind Grund genug, “Euphoria” anzuschauen. Zendayas Schauspiel, in manchen Szenen wie im Kammerspiel, ist auszeichnungswürdig. “Euphoria” ist horizonterweiternd, ein Soziogramm postmoderner Entstellung und Entartung, nicht nur einer Dekadenz, sondern einer sozialen Verwahrlosung. Kein Selbstbild, keine Erziehung, keine Beziehung ist intakt.
In den Trümmern von Hoffnungslosigkeit, Bitterkeit und Beklemmung ist dieser Ist-Zustand dem Menschen in den Figuren niemals genug. Sie alle sind im Überlebenskampf. Sie alle tun einen Teufel. Darin liegt das Heißblütige der Serie. Zwischen Fentanyl, Kinderpornografie und Vergewaltigung kriechen Hoffnung und Glaube empor, finden Schmerz und Verletzung ein Zuhause. Sam Levinson gelingt ein Porträt, das nicht verwässert wird durch soziologische Ursachen oder politische Auswege. Held ist niemand. Nur Opfer auch keiner. Fast alle sind auch Täter.
TRADWIVES, SUGARBABES UND ONLYFANS-MODELS
Die High School ist ein dankenswertes Soziotop, ein geschlossenes System, nicht nur als Gehäuse, sondern auch im Sinne der Altersbeschränkung, begrenzter Urteilsfähigkeit, einer Obhutspflicht, auch für den Zuschauer. Alles ist ein bisschen “Jugend forscht”. Das nimmt die letzte Gewissheit und es schenkt Projektion und Relativität. Es scheint einfacher zu sein, ein in sich geschlossenes High School-Drama zu inszenieren, mit überschaubarer Machtarithmetik, als sich in die Verortung unter freien und kaputten Erwachsenen zu begeben. Im Offenen wird es unübersichtlich, wirken kausale Andeutungen aufgesetzt. Aber da ist man nun, vier Jahre lang hat man auf die dritte Serienstaffel von “Euphoria” warten müssen. Die Protagonisten sind nun aus der High School raus. Was jetzt?
Werden die Schulmädchen in den ersten beiden Staffeln auf alle nur erdenkliche Arten und Weisen manipuliert, verletzt, unterdrückt, eingeschüchtert, missbraucht und ausgebeutet, scheint es zunächst, als sollten sie in der neuen Serienstaffel als junge Erwachsene Kontrolle wiedererlangen. HBO veröffentlicht nur eine Episode pro Woche, wir sind in Woche vier und Episode vier, insofern ist kein abschließendes Urteil möglich, - nichtsdestotrotz gewinnt man den Eindruck, Levinson sei nicht weiter an einer Heiligkeit inmitten aller Verrohung und allen Verrottens interessiert. Denn so katastrophal scheint es den einstmaligen Schulmädchen nicht zu gehen.
Rue ist Drogenkurier und beliefert mexikanische Kartelle. Dann managt sie einen Stripclub und verkauft schwere Waffen. Jules finanziert sich ihr Kunststudium durch Escortdienste und bedient dann als Sugarbabe ausschließlich die Fetische eines Schönheitschirurgen. Sie residiert im sterilen Penthouse. Da ist noch Cassie, vernachlässigte Tradwife und Verlobte von Nate, die in Hundekostüm und Riesenwindeln auf ihren Durchbruch auf TikTok hofft. Ihr Content ist hypersexualisiert, sie giert nach Aufmerksamkeit und Geld bei OnlyFans. Und Maddy, Artist Managerin, deren Artists langsam, aber sicher ebenfalls zu OnlyFans wandern. Maddy wird zur Zuhälterin. Cassie wird ihre Sexarbeiterin. Im Neumodischen nennt man sie dennoch Artist Managerin und Artist. Schöne neue Welt.
“THE GRASS IS ALWAYS GREENER BY THE SEPTIC TANK"
Die Kritik bleibt nicht aus. Vier Jahre nach dem Erscheinen der zweiten Staffel wird Sam Levinsons “Euphoria” kontrovers besprochen. Levinson habe den feuchten Traum der Manosphere kreiert, die Fantasie der Alpha Males erfüllt, Frauen, die erwachsenen und freien, suchten also doch nur unentwegt nach Möglichkeiten, nackt und begehrlich zu sein, Männern zu gefallen und sich ihnen gegen Geld und Aufmerksamkeit anzubieten. Die einstmalig gefeierte Fernsehserie unbeugsamer Mädchen, die sich aus jeder noch so furchtbaren Kränkung, Demütigung und Verzweiflung herauskämpften, scheinen Sexarbeit für lohnenswert, zeitgemäß und glamourös zu halten. Aber ist das so?
Rue muss für die Drogenbaronin Laurie arbeiten, um der eigenen Zwangsprostitution, angedrohter Folter und drohendem Tod zu entgehen. Ihr Wechsel in den Stripclub scheint nur auf den ersten Blick frivol und leichtsinnig, ist aber auch nur der eine Ausweg, um kein Fentanyl als Schmuggelware in Plastikfolie zu schlucken, das in Größen wie Knoblauchknollen oder Mozzarellakugeln daherkommt. Rues Weg in die Sexarbeit in Form des Managements von Prostituierten ist kein freiwilliger. Noch an ihrem ersten Tag verscharrt sie ihre erste Frauenleiche, eine Tänzerin und Prostituierte, die wegen der von ihr angelieferten Drogen stirbt. Rues spätere Geliebte, die beste Freundin der Toten, verschwindet nach einem angeblichen Entzug.
Cassie, mit Haushälterin und Anwesen, ihr Verlobter fährt einen Cybertruck, gleichwohl sie nicht ahnt, wie hochverschuldet sie sind, schielt auf eine OnlyFans-Karriere, noch ehe Nate ihr verwehrt, 50.000 US-Dollar für das Blumenarrangement auf ihrer Hochzeit auszugeben. Es ist nicht der richtige Mann, es ist nicht die richtige Beziehung, es ist nicht das richtige Leben als MAGA-Housewife, das Selbstwert aus der Abwertung anderer Frauen zieht. Cassie ist vielleicht die einzige im Ensemble, deren Flucht in die polierte Sexarbeit per Smartphone ein Male Gaze-Erlebnis verspricht, das ihre Figur tatsächlich sucht. Schon zu High School-Zeiten ist sie kein Girl’s Girl, verspricht sich von männlicher Anerkennung Schmerzenslinderung, - sie tritt nur niemals ein. Es wird immer nur alles furchtbarer.
Jules ist isoliert, degradiert als Besitzstück, in Plastikfolie mumifiziert, entsinnlicht, entmenschlicht. Die bisherigen Episoden erzählen von keinem Sehnen, keinem Träumen. Da ist kein Nebenleben. Jules ist wie ausgehöhlt. Maddy hingegen mimt den Kapitalisten in einer Gesellschaft, die Sex und Liebe zu Waren erklärt. Skrupellos steigt sie auf. Sie will das Geld. Dafür verkauft sie ihre ehemals beste Freundin an den Teenager mit den meisten Followern.

“Euphoria” ist kein feministisch-pädagogisierendes Lehrstück. Eben darin liegt die Stärke der Serie. Die jungen Erwachsenen gehen den Versprechungen und Verführungen auf den Leim, ja, sie glauben an Glanz und Gloria hinter Cybertruck, OnlyFans und Kokain. Doch einmal im Netz gibt es kein Entkommen mehr. Und Zwang und Gewalt und Verachtung und Betrug nehmen kein Ende. Frauenleichen werden verscharrt, Tänzerinnen werden gruppenvergewaltigt und Fußzehen werden abgeschnitten. Und da glaubt noch einer, die Serie propagiere den Schritt in die Sexarbeit als Lebensupdate?
Sam Levinsons “Euphoria” ist noch immer stark, wie schon in den ersten beiden Staffeln, da man der Serie noch die Ästhetisierung, die Romantisierung von Ketamin auf dem Dancefloor vorwarf, während der Serienplot um nichts anderes kreiste als die totale Zerstörung von Leben durch und mit Drogen. Mögen Jules und Cassie und Maddy in Haute Couture vom Leben auf der Überholspur träumen, am Ende wartet der leise Kollaps in Isolation, Leere, Selbsthass, Verdrängung und Schuld oder der laute Kollaps mit Sucht, Betrug, Knast, Gewalt, Missbrauch und Tod. Frieden und Freiheit hat bisweilen noch keine von ihnen gefunden. Aber wer hat das schon im Patriarchat, im Kapitalismus, in dieser neuen Gesellschaft, da Levinson nur wirklichkeitsgetreu spiegelt, wieviel sich junge Erwachsene vom Falschen versprechen.
Er ist also immer noch da: Der Sam Levinson, der im Verrohen und Verrotten einer gnadenlosen Wegwerfgesellschaft das Heilige im Menschen sucht. Ausgerechnet Laurie, die Drogenbaronin, lässt er Rue warnen: “The grass is always greener by the septic tank.”






