ZERSTÖREN UND VERWERTEN, VERWERTEN UND ZERSTÖREN. EINE KRIEGSINDUSTRIE
Der Dokumentarfilm über das Leben von Aykut Anhan alias Rapper Haftbefehl macht fast alles falsch. Das passt ins Bild eines Showbiz, das kaputte Leben wie dasjenige von Aykut Anhan erst produziert.
Im Grunde ist über die Dokumentation über das Leben von Aykut Anhan alias Rapper Haftbefehl bereits alles gesagt worden. “Babo - Die Haftbefehl-Story”, ein Dokumentarfilm von Sinan Sevinç und Juan Moreno, mitproduziert von Schauspieler Elyas M’Barek, erschien am 28. Oktober 2025 über den Streamingdienstleister Netflix. Nach wenigen Tagen erreichte der Titel Rekordzuschauerzahlen. In verschiedenen Ländern schoss er an die Spitze der Streamingcharts. Seitdem sind in BILD bis FAZ, in Freitag bis Spiegel Besprechungen erschienen. Viele fordern, der Film muss in den Schulunterricht. Sogar der Kulturstaatsminister reagiert. Und RTL Exclusiv-Moderatorin Frauke Ludowig ist ganz heiß auf das Portrait der Ehefrau Nina Anhan.
Man kann eine Dokumentation nicht schlecht finden, wenn sie Millionen von Menschen erreicht und für die Themen Armut, Integration, Suizid, Suchterkrankung und Depressionen sensibilisiert. Auch ich muss das diesem Filmprojekt zugute halten: Dass unzählige Menschen aller Alterskohorten, verschiedenster Herkünfte und sozialer Milieus, auch Kinder und Jugendliche, derart bewegt und berührt sind vom Schicksal Aykut Anhans muss etwas Gutes sein. Vielleicht regt “Babo - Die Haftbefehl Story” dazu an, dass den Jüngeren die Gefahren des Drogenmissbrauchs bewusst werden, da Kokain mittlerweile auf jedem zweiten Schulhof kursiert und mit dem Partykonsum auf TikTok offen geprahlt wird. Das war zu meinen Schulzeiten vor zwanzig Jahren noch anders.
Dass Aykut Anhan und seine Brüder offen und verletzbar über den Suizid ihres Vaters, die seelischen Wunden aus der Kindheit, Suchterkrankungen, Angststörungen und Depressionen sprechen, bricht nicht nur ein allgemeines gesellschaftliches Tabu. Es bricht insbesondere eines in der muslimisch-migrantischen Community und eines unter Männern. Es ist das eine, wenn der weiße Vorzeige-Dad Sebastian Tigges aus der Millionenhütte, Ex von Model Marie Nasemann, über Gefühle, Schwäche und Weinen spricht und ihm Frauen gerührt in die dms sliden. Es ist aber das andere, wenn der Babo aus dem Underground zeigt, dass er in Sachen Lebensführung, seiner Erziehungsaufgabe für seine Kinder, der Pflege der Partnerschaft zu seiner Ehefrau und überhaupt komplett versagt. Das ist nicht der maskuline Mann, den vermeintliche Gangster oft mimen. Es ist ein Armutszeugnis, ein Scheitern, das Eingeständnis von Krankheit, Verzweiflung und Überforderung. Und natürlich darum Stärke, nach Hilfe zu fragen und das alles publik zu machen.
Auch im Kontext der politischen Stadtbild-Debatte der letzten Wochen, Missverständnis oder Kalkül des Bundeskanzlers, erhellt das Beispiel Aykut Anhans. Nicht für Schüler sei der Film lehrreich, sondern für den Bundeskanzler, kommentierten nicht wenige. Schließlich portraitiert der Film eindrücklich, unter welchen Bedingungen die Geschwister Anhan aufwachsen. Plattenbau in Offenbach, Drogenhandel, Einschüchterung und Gewalt seit der Einschulung. Bildungsferne, keine Sozialarbeit, abwesender Vater. Die Kinder vollkommen sich selbst überlassen, hochtraumatisiert, im täglichen Überlebenskampf.
Wenn Friedrich Merz Sorge über das Stadtbild äußert, das aber ausschließlich im Kontext von Abschiebungen, dann versteht er Menschen wie Aykut Anhan nicht als Opfer seiner Politik der Armut und sozialen Ungleichheit, sondern macht sie zu Mittätern, kann er doch abgelehnte Asylbewerber und die Aykut Anhans dieses Landes eben nicht optisch auseinanderhalten und formuliert einen Rassismus, den er nicht gemeint haben will, aber der durch seine Aussage belegt ist. Der Rapper Eko Fresh, mehr König von Deutschland, wies in seinem viralen Track “Friedrich” zurecht: “Lieber Friedrich, Du hast echt bezaubernde Töchter, wir auch, aber die hausen in Löchern.” Eko Fresh singt von Müttern als Reinigungskräften, die für Schmutzreste gefeuert werden, über den Alltagsrassismus bei der Fahrkartenkontrolle im Bus, darüber, wie sie am Abend ohne Schutzwesten in ihre Viertel heimkehren. Ja - “Babo - Die Haftbefehl Story” ist ein Lehrstück über Lebensrealitäten in Deutschland, von denen die Politik seit Jahrzehnten nichts zu verstehen scheint.
Warum macht der Dokumentarfilm dennoch fast alles falsch? Dazu muss ich weiter ausholen. Als Russland die Ukraine überfiel, im Februar 2022, erklärte die Schriftstellerin Dorothea Dieckmann, gegen den Krieg schreiben zu wollen, dabei aber verführt zu sein, kriegerisch zu schreiben. Auf Befehl hin, den Krieg als Feind verstehend, Stellung beziehend, wie ein General. Genau so wollte sie doch nie sein. Sie wollte Nicht-Krieg sein, wollte Frieden sein, und nicht Krieg für den Frieden führen.
Die Kriegsrethorik war plötzlich überall. Nicht nur bei den Kriegerischen selbst, sondern gerade bei denen, die sich gegen den Krieg wandten: Sie schrieben vom Stolz der angegriffenen Nation, davon, den Angreifern niemals zu verzeihen. Sie schrieben von Opferbereitschaft und Heldenmut. Die Zahlen der Todesopfer tickerten durch die Nachrichten. Die politischen Reden erklärten Zeitenwenden hin zu neuer Kriegsfähigkeit, mit der Verteidigungstauglichkeit gemeint war. Überall war Aufrüstung. Das mag in der Sache richtig sein. Aber die Sprache, das Gewand der Kriegsberichterstattung, war Krieg selbst.
Für Dorothea Dieckmann ist Desensibilisierung Kriegswaffe. In Andrei Tarkowskijs Film “Andrzej Rubljow” von 1966 ist ein Blutbad an Zivilisten zu sehen, die in eine Kathedrale geflüchtet sind. So schrecklich die Szene ist, in Erinnerung bleiben viel mehr die vorhergehenden Minuten, in denen die Kamera über die stummen Gesichter der Eingeschlossenen fährt, die ihre Mörder erwarten. Das ist die unkriegerische Art, den Krieg zu zeigen. Dieckmann schreibt: “Die Kamerafahrt ist wie ein Buch, das vom Krieg erzählt. In jedem einzelnen Gesicht liest man, was er bedeutet, nämlich genau das, was tapfere Macher und aufgeklärte Bescheidwisser lieber leugnen und mit Kriegssprache übertönen. Angst und Ohnmacht lassen sich kaum mit der Inszenierung eines Gemetzels beschreiben. Wenn es um Krieg geht, hört die eigene Verfügungsgewalt auf. Dieser Empfindlichkeit soll die Kunst, soll die Literatur Ausdruck geben.”
Dieckmann kennt die Beispiele, in denen das gelingt: Adalbert Stifter erzählt vom Dreißigjährigen Krieg, indem er zwei Schwestern fast die ganze Erzählung über vergeblich auf ihren Vater warten lässt, dessen Haus belagert wird. Matthias Claudius lässt in seinem Kriegslied die Toten aufstehen und um das klagen, was sie verloren haben. Georg Trakl hat im 1. Weltkrieg als Sanitäter gearbeitet. Seine Gedichte sind wunderschön, aber es sind Albträume. Felix Hartlaub hat genau wie Wolfgang Borchert den 2. Weltkrieg als Soldat verbracht. Er war als Besatzungsoffizier in Paris und hat im Führerhauptquartier am offiziellen Kriegstagebuch gearbeitet. Von ihm erfährt man, wie leer und tot sich einer fühlt, der in der Kriegsmaschinerie steckt. Andere wie Karl Kraus oder Karel Capek machen sich mit Wut und Witz über die Kriegsherren lustig – auch das ist eine friedliche und sehr wirksame Methode, den Krieg anzuprangern. Diese Schriftsteller zeigen, wie sehr die Unversehrtheit jedes Einzelnen bedroht ist, selbst wenn es einmal gut ausgeht. Keiner von ihnen überwältigt die Leser mit vorgehaltener Schreibwaffe. Im Gegenteil, sie finden eine Sprache für das, was auf dem Spiel steht: nämlich alles, was nicht Krieg ist.
Der Dokumentarfilm über Aykut Anhan ist fast ausschließlich von Kriegslogik getrieben. Er zeigt den Menschen Aykut Anhan zitternd, schwitzend, blutend, regungslos. Er zeigt ihn, wie er high ist und wie er dann im Loch ist. Er zeigt ihn überfordert und apathisch. Sicher ist der Film dem Ist Anhans verpflichtet, will ihn zeigen, wie er ist, in dem Zustand, in dem er ist, aber er reduziert ihn dadurch auf einen hilflosen Suchtkranken, um den alle herum beteuern, ihm helfen zu wollen, und ihn dennoch durch die Manege begleiten. Einzig in der Szene, in der Anhan Reinhard Meys “In meinem Garten” singt, kommt man dem Seelenschmerz des Menschen Aykut Anhan näher.
Der Film, den Aykut Anhan verdient hätte, hätte mehr vom Jugendzentrum erzählt, dass ihn von der Straße klaubte, von den ersten Jugendlichen, die er nicht abzog, sondern beim Musizieren respektierte. Der Film hätte von den Fußballmannschaften erzählen können, die verlorenen Kindern einen Platz anbieten, eine Aufgabe in der Gesellschaft. Aykut Anhan hätte von den ersten Toren und dem ersten Jubel, aber auch dem Trost ob der ersten Niederlagen erzählen können. Ist er nach den ersten Niederlagen mit aufgeklapptem Messer durch die Gegend gewandert, unfähig mit eigener Enttäuschung und Aggression umzugehen, oder war er munter, mit seinen Mannschaftskollegen zu trainieren und besseren Fußball zu spielen? Man sieht die Kinder Anhans im Film durch das Haus toben, wenn der Vater abwesend herumsteht, aber man hört nicht, wie sehr sie sich auf ihre Fußballspiele freuen. Der Film erzählt nicht vom Träumen, vom Sehnen, vom Leben, sondern ist die Dokumentation eines Sterbenden.
Nina Anhan berichtet vom Alleinsein und ihr kullern die Tränen. Das kann man so inszenieren, ihre Traurigkeit kommt an. Aber es zeigt die Jämmerlichkeit ihres Ist-Zustands und nicht das Gefangensein, die Erniedrigung und Verzwergung eines freien Menschen, der träumt, wohin er denn gerne gehen würde, was er gerne sehen würde. Sie ist die Frau, die bleibt. Und nicht die Frau, die entscheidet zu bleiben, ob der Abermillionen von Farben und Optionen, die ihr offen stehen.
Zu oft ruht sich der Film auf oberflächlichen Befragungen aus. Ja, die Ehefrau ist einsam. Ja, die Brüder sind verzweifelt. Ja, im Plattenlabel macht man sich Sorgen. Dazwischen sehen wir Schnittbilder von johlenden Fans und Rapper Haftbefehl im Rausch und dem Menschen Aykut Anhan röchelnd im dunklen Hotelzimmer. Den Gefühlen aller Beteiligten kommt man nicht wirklich nahe. Dem Suizid des Vaters kommt man nicht auf die Spur. Dass es mehrere Suizide in der Familie gegeben hat, wird bloß erwähnt. Depressionen! Das Wort steht wie eine Zeitdiagnose über allem, aber verstehen und deuten, was sie sind, woher sie kommen, wie man mit ihnen umgeht, kann der Zuschauer nicht. Es spricht kein Arzt und es spricht kein Psychologe in der ganzen Dokumentation. Dafür alle möglichen Rapper und Verwerter.
Und irgendwie finden sie ihn alle lustig und unterhaltsam, bis sie irgendwie sagen, es ist doch alles nicht so lustig und unterhaltsam. Im Interview lachen sie über seine Verspätungen und über die Aufregung für sie selbst, wenn sie nicht wissen, ob Aykut Anhan tatsächlich gleich auf der Bühne stehen wird oder nicht. Die Unberechenbarkeit, die von seiner Hilflosigkeit erzählt, ist für die Verwerter ein Losspiel. Aykut Anhans Zustand ist kein Produkt von Tagen. Es ist ein Produkt von Jahren und Jahrzehnten. Die Verwerten rufen an, wenn er morgen erscheinen soll. Aber sie rufen nicht an, wenn der Auftritt vorbei ist. Haftbefehls Chartplatzierungen, Plattenverkäufe, ausgebuchte Hallen werden angedeutet, aber sie sind nicht genannt. Genau das machte aber ein System kenntlich, in dem man über den Profit sprechen könnte, den die Zerstörung Aykut Anhans abwirft.
“Babo - Die Haftbefehl-Story” ist eben nicht die große Wahrheit. Der Film ist nicht die Antithese zum Showbiz. Der Film spielt ganz vorne im Showbiz mit.





